Wie funktioniert die Börse? Einfach erklärt
Wie funktioniert die Börse? Einfach erklärt
Die Börse ist einer dieser Orte, die für Laien fast mystisch wirken. Bilder von Männern in gelben Jacken, die sich anschreien. Laufbänder mit grünen und roten Zahlen. Wichtige Menschen, die mit wichtigen Gesichtern Dinge kaufen und verkaufen, die du nicht wirklich verstehst.
Die Wahrheit ist viel profaner. Die Börse ist nichts anderes als ein Marktplatz. Ein Ort, an dem Käufer und Verkäufer zusammentreffen, um sich über Preise zu einigen. Sie ist weder magisch noch kompliziert, sondern folgt den gleichen Grundregeln wie jeder andere Marktplatz seit Jahrtausenden.
In diesem Artikel erkläre ich in einfachen Worten, wer da eigentlich mit wem handelt, wie Kurse zustande kommen, was die wichtigsten Börsen sind und was genau passiert, wenn du auf „Kaufen“ drückst.
Die Börse ist ein Marktplatz
Stell dir einen Wochenmarkt vor. Bauern verkaufen Gemüse, Kunden kaufen. Der Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Wenn viele Kunden Tomaten wollen und wenig Bauern welche haben, steigt der Preis. Umgekehrt sinkt er.
Die Börse funktioniert genauso, nur mit Aktien statt Tomaten. Es gibt Verkäufer (Leute, die ihre Aktien loswerden wollen) und Käufer (Leute, die Aktien haben wollen). Wenn beide sich auf einen Preis einigen, findet der Handel statt.
Der einzige wirklich große Unterschied zum Wochenmarkt: Es passiert digital. Die Teilnehmer sehen sich nicht, die Aktien werden nicht physisch bewegt, alles läuft über Computersysteme.
Wer handelt eigentlich?
Grob unterscheidet man vier Gruppen von Marktteilnehmern:
Privatanleger. Das bist du. Wenn du bei Trade Republic oder LYNX Aktien kaufst, handelst du als Privatanleger. Gemessen am Gesamtvolumen der Börse machen Privatanleger nur einen kleinen Teil aus, aber kollektiv sind sie trotzdem wichtig.
Institutionelle Anleger. Versicherungen, Pensionsfonds, Investmentgesellschaften. Sie verwalten große Geldmengen und handeln in Millionen- oder Milliarden-Beträgen. Wenn ein Pensionsfonds seine Strategie ändert, kann das spürbar auf Kurse wirken.
Market Maker. Spezialisierte Banken oder Firmen, die immer Kauf- und Verkaufspreise stellen. Sie verdienen am Spread (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis) und sorgen dafür, dass immer jemand da ist, mit dem man handeln kann.
Hochfrequenz-Händler. Computer-Algorithmen, die in Millisekunden tausende Trades machen. Sie nutzen winzige Preisunterschiede aus. Für Privatanleger sind sie meistens unsichtbar, aber sie beeinflussen die Liquidität und die kurzfristige Volatilität der Kurse.
All diese Gruppen handeln gleichzeitig. Jeder Kurs, den du siehst, ist das Ergebnis aller ihrer Entscheidungen zusammen.
Wie kommen Kurse zustande
Der Kurs einer Aktie ist nichts anderes als der letzte Preis, zu dem ein Käufer und ein Verkäufer sich geeinigt haben.
Ein Beispiel. Eine Aktie wurde heute Morgen um 9 Uhr zum letzten Mal zu 100 Euro gehandelt. Jetzt will jemand verkaufen und bietet 100 Euro an. Ein anderer will kaufen und bietet 99,50 Euro. Zwischen 99,50 und 100 Euro gibt es keinen Handel, weil sich beide nicht einigen.
Irgendwann kommt ein dritter Käufer, der 100 Euro zahlen will. Der Trade findet statt. Der Kurs ist jetzt 100 Euro. Eine Minute später vielleicht 100,10 oder 99,90 Euro, je nachdem, wer gerade aktiver ist.
Das ist der ganze Mechanismus. Kurse springen nicht zufällig, sie bewegen sich, weil Menschen (oder Algorithmen) zu unterschiedlichen Preisen handeln wollen.
Was ist eigentlich eine Aktie?
Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel 1 Milliarde Aktien ausgegeben hat und du eine davon besitzt, gehört dir 1/1.000.000.000 des Unternehmens.
Was dir das bringt:
Stimmrecht auf der Hauptversammlung. Bei den meisten Aktien kannst du einmal im Jahr über Firmenentscheidungen mitbestimmen. Bei deiner einen Aktie ist der Einfluss marginal, aber formal gehört er dir.
Anspruch auf Dividenden. Wenn das Unternehmen Gewinn macht und Dividende ausschüttet, bekommst du anteilig davon.
Anspruch auf einen Anteil am Unternehmenswert. Wenn das Unternehmen verkauft wird, bekommst du anteilig den Erlös.
Der Kurs einer Aktie spiegelt den Preis wider, den der Markt aktuell für diese Anteile bereit ist zu zahlen. Und dieser Preis hängt von vielen Faktoren ab: Erwartete Gewinne, Branchenentwicklung, Zinsen, politische Lage, Stimmung im Markt.
Die wichtigsten Börsen der Welt
Nicht alle Aktien werden an einer einzigen Börse gehandelt. Es gibt dutzende große Börsen weltweit, an denen unterschiedliche Unternehmen gelistet sind.
New York Stock Exchange (NYSE). Die größte Börse der Welt nach Marktkapitalisierung. Hier sind viele der größten US-Konzerne gelistet: Berkshire Hathaway, JPMorgan, Walmart.
NASDAQ. Die zweitgrößte US-Börse, stark Tech-lastig. Apple, Microsoft, Google, Amazon, Tesla sind alle hier.
Deutsche Börse (Xetra). Die wichtigste Börse in Deutschland. Hier sind DAX, MDAX, SDAX beheimatet. Aktien wie SAP, Siemens, Allianz werden hier gehandelt.
London Stock Exchange (LSE). Die größte Börse Europas. Shell, HSBC, Unilever.
Tokyo Stock Exchange. Die größte asiatische Börse. Toyota, Sony, SoftBank.
Wenn du eine US-Aktie über einen deutschen Broker kaufst, wird der Kauf meist in Frankfurt oder über einen Market Maker wie gettex abgewickelt. Der Broker selbst ist nicht an der US-Börse präsent, sondern arbeitet mit Zwischenhändlern.
Handelszeiten: Wann die Börse offen ist
Jede Börse hat feste Öffnungszeiten.
Deutsche Börse (Xetra): 9:00 bis 17:30 Uhr deutscher Zeit.
US-Börsen (NYSE, NASDAQ): 9:30 bis 16:00 Uhr New Yorker Zeit, also 15:30 bis 22:00 Uhr deutscher Zeit (Winterzeit). Zwischen den Sommerzeit-Umstellungen in Europa und USA gibt es jeweils zwei Wochen, in denen sich die Zeiten um eine Stunde verschieben.
Tokyo: 2:00 bis 8:00 Uhr deutscher Zeit.
Außerhalb dieser Kernzeiten gibt es an vielen Börsen einen „Pre-Market“ und „After-Hours“-Handel. Da sind weniger Marktteilnehmer aktiv, die Spreads sind breiter, die Preise volatiler.
Für den normalen Privatanleger ist es empfehlenswert, während der regulären Kernzeit zu handeln. Für US-Aktien also zwischen 15:30 und 22:00 deutscher Zeit, dann sind die Preise fairer.
Was passiert, wenn du auf „Kaufen“ drückst?
Der Prozess, den du nicht siehst, aber der hinter jeder Order abläuft:
Schritt 1: Du gibst im Broker eine Kauf-Order ein. Zum Beispiel „100 Apple-Aktien, Markt-Order“.
Schritt 2: Der Broker leitet die Order an einen Handelsplatz. Bei deutschen Neobrokern ist das oft ein einzelner Handelsplatz wie gettex oder LS Exchange. Bei internationalen Brokern wie LYNX ist das in der Regel die echte US-Börse.
Schritt 3: Die Order trifft auf Verkäufer. Bei einer Markt-Order wird zum aktuell besten verfügbaren Verkaufspreis gekauft. Bei einer Limit-Order wird nur gekauft, wenn dein Limit erreicht wird.
Schritt 4: Der Trade wird ausgeführt. Das dauert bei liquiden Aktien Sekunden.
Schritt 5: Der Handelsplatz meldet die Ausführung an den Broker. Dein Broker zeigt dir die Bestätigung.
Schritt 6: Die Aktien werden in deinem Depot gebucht (nach T+2, also zwei Bankarbeitstagen). Bis dahin sind sie schon wirtschaftlich dein, aber noch nicht final im Depot eingebucht.
Der ganze Prozess von Klick bis Bestätigung dauert bei liquiden Aktien ein paar Sekunden. Die eigentliche Einbuchung zwei Tage, aber das merkst du im Alltag nicht.
Warum schwanken Kurse?
Kurse schwanken, weil sich die Meinung der Marktteilnehmer über den fairen Preis einer Aktie ständig ändert.
Fundamentale Gründe: Das Unternehmen meldet bessere oder schlechtere Quartalszahlen, ein neues Produkt wird angekündigt, der CEO wechselt. Alles Dinge, die den echten Wert des Unternehmens verändern.
Makroökonomische Gründe: Zinsen steigen, Inflation verändert sich, politische Krisen. Das betrifft nicht ein einzelnes Unternehmen, sondern alle gleichzeitig.
Psychologische Gründe: Märkte werden von Menschen gemacht, und Menschen sind nicht immer rational. Angst und Gier treiben Kurse weit über das, was fundamental gerechtfertigt wäre.
Liquiditätsgründe: Manchmal gibt es einfach keine Käufer oder Verkäufer. Bei kleinen Aktien kann eine einzelne Order den Kurs deutlich bewegen.
Kurz- und mittelfristig dominieren Psychologie und Liquidität. Langfristig dominieren die fundamentalen Faktoren. Das ist der Grund, warum langfristiges Investieren besser funktioniert als kurzfristiges Spekulieren: Auf lange Sicht setzt sich die Realität durch.
Was du als Privatanleger wissen solltest
Drei Punkte, die dir im Alltag weiterhelfen.
Die Börse ist kein Casino. Auch wenn kurzfristige Kursbewegungen wie Glücksspiel wirken, folgen sie langfristig ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Wer bei guten Unternehmen lange genug dabei bleibt, gewinnt statistisch.
Kurse sind Schätzungen, keine Wahrheiten. Der Kurs einer Aktie ist der beste aktuelle Schätzwert aller Marktteilnehmer. Er ist nicht „richtig“ oder „falsch“, er ist einfach, was Angebot und Nachfrage gerade hergeben.
Kleine Gebühren summieren sich. Wenn du 20 Euro pro Trade zahlst und 10 Trades pro Jahr machst, sind das 200 Euro. Über 30 Jahre: 6.000 Euro. Bei Zinseszins-Rechnung: weit über 20.000 Euro verlorene Rendite. Darum wähle einen günstigen Broker.
Häufige Fragen
Kann ich an jedem Werktag handeln?
Ja, während der Öffnungszeiten der jeweiligen Börse. An gesetzlichen Feiertagen (auch US-Feiertagen für US-Aktien) gibt es Handelspausen.
Was bedeutet „der DAX steht bei 18.000″?
Der DAX ist ein Index, also ein berechneter Durchschnittswert der 40 größten deutschen Aktien. Der Wert 18.000 selbst hat keine direkte Bedeutung, nur die Veränderung gegenüber gestern, der letzten Woche, dem letzten Jahr.
Wer kontrolliert die Börse?
In Deutschland die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht). In den USA die SEC (Securities and Exchange Commission). Sie überwachen die Börsen und die großen Marktteilnehmer, damit keiner betrügt.
Können Computer die Kurse manipulieren?
Einzelne Computer nicht, weil die Börse zu viele Teilnehmer hat. Aber Hochfrequenzhandel kann kurzfristige Preise beeinflussen. Für langfristige Investoren ist das irrelevant.
Was sind Leerverkäufe?
Du verkaufst eine Aktie, die dir gar nicht gehört, indem du sie dir von jemandem leihst. Du hoffst, dass der Kurs fällt, dann kannst du die Aktie billiger zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz ist dein Gewinn. Ist eine fortgeschrittene Strategie, für Einsteiger nicht relevant.
Was ist Day-Trading?
Aktives Kaufen und Verkaufen innerhalb eines Tages. Statistisch verlieren über 90 Prozent der Day-Trader langfristig Geld. Für fast alle Privatanleger nicht empfehlenswert.
Wo es weitergeht
Dieser Artikel ist die absolute Basis. Wer tiefer einsteigen will, findet die Anschluss-Themen hier:
- Investieren lernen, der Leitfaden, die große Einstiegs-Roadmap.
- ETF oder Einzelaktien?, die Frage, wie du dein Depot aufbaust.
- Aktien kaufen für Anfänger, der erste konkrete Trade.
- Depot eröffnen, wie du technisch startest.
Und im Kurs „Aktien- & Optionshandel“ geht Modul 01 systematisch den Einstieg durch, inklusive wie Märkte funktionieren, US-Börsenzeiten und der erste praktische Schritt.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar.
Wortanzahl: ca. 1.600 Wörter
Schreibstil: Kalibrierte Voice. Sehr einsteigerfreundlich, weniger technisch als die anderen Artikel.
Interne Links: 4 zu verwandten Artikeln + 1 zur Kursseite
Bilder:
1. Hero-Bild (abstrakte Handelsformen)
2. Schaubild Marktplatz-Analogie
3. Chart eines typischen Handelstags
4. Grafik „Was passiert nach dem Kauf-Klick“
