ETF oder Einzelaktien: Was lohnt sich wann?
ETF oder Einzelaktien: Was lohnt sich wann?
Die häufigste Frage, die mich in Erstgesprächen erreicht, ist nicht „Wie funktioniert ein Cash-Secured Put?“. Sie lautet: „Stefan, soll ich eigentlich ETFs oder Einzelaktien kaufen?“
Die Antwort, die ich am Anfang immer gebe: beides. Nur nicht gleichzeitig, und nicht in der gleichen Funktion.
Das klingt ausweichend, ist es aber nicht. ETFs und Einzelaktien haben unterschiedliche Jobs im Portfolio. Wer sie in derselben Rolle einsetzt, bekommt immer eins von beiden zu viel und eins zu wenig. Wer versteht, wofür jedes Werkzeug da ist, baut sich mit beiden zusammen ein Portfolio, das den Einzelwerten etwas abgewinnt, ohne die Stabilität eines ETF-Sparplans zu verlieren.
In diesem Artikel gehe ich der Reihe nach durch: Was ETFs wirklich sind, was Einzelaktien wirklich sind, wo sie sich unterscheiden, was die Forschung zu beiden sagt, und wie ich selbst die Aufteilung gemacht habe.
Kurzdefinition, damit wir auf dem gleichen Blatt sind
ETF. Ein Exchange Traded Fund ist ein börsengehandelter Fonds, der einen Index abbildet. Du kaufst einen MSCI World und hältst damit Anteile an rund 1.500 Unternehmen weltweit. Du kaufst einen S&P 500 und hältst die 500 größten US-Konzerne. Der ETF kauft und verkauft die Aktien für dich. Du bist in einem Schritt breit gestreut.
Einzelaktie. Eine Aktie eines einzigen Unternehmens. Wenn Apple gut läuft, läuft deine Apple-Aktie gut. Wenn Apple ein schlechtes Quartal hat, dein Depot auch. Keine eingebaute Streuung.
Das ist die grundlegende Mechanik. Alles andere baut darauf auf.
Der wichtigste Unterschied in einem Satz
ETFs nehmen dir die Entscheidung ab, welche einzelnen Unternehmen gut laufen. Einzelaktien verlangen genau diese Entscheidung von dir.
Das klingt nach einer kleinen Nuance, ist aber der entscheidende Punkt. Denn beide Ansätze haben damit unterschiedliche Konsequenzen:
- Zeitaufwand. ETF-Sparplan: ein paar Minuten pro Monat. Einzelaktien: ein paar Stunden pro Monat, wenn du sie gut auswählen willst.
- Risiko. ETF: breit gestreut, dein Risiko ist der gesamte Markt. Einzelaktie: konzentriert, dein Risiko ist ein einzelnes Unternehmen.
- Renditechance. ETF: du bekommst die Marktrendite, nicht mehr, nicht weniger. Einzelaktie: du kannst den Markt schlagen oder deutlich unter ihm liegen.
- Psychologie. ETF: wenige emotionale Entscheidungen nötig. Einzelaktie: du wirst regelmäßig in Situationen kommen, in denen du dich fragst, ob du noch an das Unternehmen glaubst.
Je nachdem, wie viel Zeit, Lust und Nerven du hast, passt das eine oder das andere besser.
Was die Forschung zu beidem sagt
Ein paar Zahlen, die oft zitiert werden und meistens richtig sind.
Der globale Aktienmarkt hat langfristig im Schnitt zwischen 7 und 9 Prozent pro Jahr erwirtschaftet. Das ist die sogenannte Marktrendite, und die bekommt jeder, der einen breiten Welt-ETF hält.
Die aktiv gemanagten Fonds, die versuchen, den Markt zu schlagen, tun das langfristig in weniger als 20 Prozent der Fälle. Die typische Studie dazu heißt „SPIVA Report“ und wird halbjährlich von S&P Dow Jones veröffentlicht. Die Kernaussage: Über 10 Jahre schaffen es mehr als 80 Prozent der aktiven Fonds nicht, ihren Vergleichsindex zu schlagen.
Daraus leitet die Finanzwissenschaft eine ziemlich klare Empfehlung ab: Wer nicht aktiv Aktien auswählen und folgen will, sollte einen breit gestreuten Welt-ETF nehmen. Das ist nicht umstritten, das ist seit Jahrzehnten so.
Die interessante Frage ist, was du mit dem Wort „aktiv“ meinst. Denn es gibt einen Unterschied zwischen einem professionellen Fondsmanager, der 100 Mitarbeiter hat und trotzdem oft scheitert, und einem Privatanleger, der zehn ihm bekannte Unternehmen über Jahre hält und sich nicht vom Alltag verrückt machen lässt.
Wo Einzelaktien trotzdem sinnvoll sind
Trotz der Statistik gibt es gute Gründe, Einzelaktien im Portfolio zu haben. Vier davon fand ich in meiner eigenen Erfahrung überzeugend genug.
Erstens, Lernen. Wer nur ETFs kauft, versteht am Ende nicht, wie Unternehmen funktionieren. Man kauft Streuung statt Wissen. Einzelaktien zwingen dich, dich mit Bilanzen, Geschäftsmodellen und Branchen zu beschäftigen. Das macht dich auch als Mensch informierter, nicht nur als Anleger.
Zweitens, Überzeugung. Es gibt Unternehmen, die du besonders gut findest, weil du sie kennst, ihre Produkte nutzt, ihre Strategie verstehst. Ein ETF gibt dir diese einzelne Position nicht gezielt. Wer Apple für eines der besten Unternehmen der Welt hält und langfristig halten will, kann das über einen ETF nur verwässert tun.
Drittens, Dividenden-Strategie. Wer gezielt Dividenden-Einkommen aufbauen will, kommt um Einzelaktien meist nicht herum. Viele Dividenden-ETFs haben Konstruktionsmängel (Zusammensetzung, Gewichtung, Steuer), die selbst gewählte Einzelwerte nicht haben.
Viertens, Optionen und Stillhaltergeschäfte. Und hier wird es relevant für mein Thema. Cash-Secured Puts und Covered Calls funktionieren zwar auch auf ETFs, aber viele Strategien und die besseren Prämien gibt es auf einzelnen Aktien. Wer Optionen handelt, hat zwangsläufig Einzelaktien im Depot.
Wo Einzelaktien problematisch werden
Genauso ehrlich die andere Seite.
Einzelaktien ziehen dich in Entscheidungen rein, die du bei ETFs nicht hast. Du liest Quartalsberichte, du denkst über Nachkäufe nach, du wirst nervös bei schlechten Nachrichten. Bei einem Welt-ETF schaust du vielleicht einmal im Quartal rein. Bei einem Depot aus zehn Einzelwerten bist du wöchentlich dran.
Diese Aufmerksamkeit hat zwei Kosten. Zeit, logisch. Aber auch Psyche. Wer wöchentlich ins Depot schaut, trifft im Schnitt schlechtere Entscheidungen als jemand, der jährlich reinschaut. Das ist gut untersucht und wird von Verhaltensforschern als eine Art Selbstsabotage beschrieben.
Dazu kommt die Auswahl-Qualität. Wer Aktien kauft, weil ein Influencer sie empfohlen hat, oder weil sie gerade in den Nachrichten sind, macht statistisch schlechtere Entscheidungen als der Zufall. Die Disziplin, nur das zu kaufen, was man wirklich versteht, ist schwerer als sie klingt.
Und noch eine versteckte Kostenseite: Steuern. Wer Einzelaktien häufig umschichtet, realisiert Gewinne, die er sonst nicht hätte realisieren müssen, und zahlt Abgeltungssteuer auf sie. ETF-Halter, die einfach dranbleiben, verschieben diesen Steuer-Moment um Jahrzehnte nach hinten, was sich am Ende stark bemerkbar macht.
Eine realistische Aufteilung
Für jemanden, der gerade anfängt oder im ersten bis zweiten Jahr ist, empfehle ich die klare Hierarchie: ETF zuerst, Einzelaktien danach.
Konkret so:
Die ersten 5.000 bis 10.000 Euro gehen in einen breiten Welt-ETF im Sparplan. Du lernst Kursschwankungen auszuhalten, du baust eine Basis auf, du gewöhnst dich an Geduld. Keine Einzelaktien in dieser Phase. Null.
Ab dem zweiten Jahr und mit einer Depotgröße ab etwa 10.000 Euro kannst du anfangen, einzelne Aktien beizumischen. Nicht mehr als 20 bis 30 Prozent des Depots, verteilt auf fünf bis zehn sorgfältig ausgewählte Werte. Der Rest bleibt ETF.
Ab 50.000 Euro und mit drei bis fünf Jahren Erfahrung ist eine Aufteilung wie diese sinnvoll:
- 50 bis 60 Prozent Welt-ETFs (Basis, unantastbar)
- 25 bis 35 Prozent Einzelaktien (gezielt ausgewählt)
- 10 Prozent Cash-Reserve für Nachkäufe in Korrekturen oder für Stillhalter-Geschäfte
Diese Struktur hat sich bei mir und bei den meisten Teilnehmern, die ich in den letzten Jahren betreut habe, als tragfähig erwiesen. Sie gibt dir Stabilität durch die breite Basis, aber auch die Möglichkeit, aktiv zu sein, ohne das gesamte Kapital zu riskieren.
Was bei der ETF-Auswahl wirklich zählt
Wenn du dich für einen ETF entscheidest, gibt es ein paar Kriterien, die wichtig sind, und viele, die nicht.
Wichtig ist, dass der ETF breit gestreut ist. Ein MSCI World hat etwa 1.500 Unternehmen, ein MSCI All Country World etwa 3.000. Beides ist in Ordnung. Ein reiner DAX-ETF oder S&P 500 ist nicht „falsch“, aber weniger diversifiziert.
Wichtig ist die Kostenquote (TER). Alles unter 0,30 Prozent pro Jahr ist fein. Alles über 0,50 Prozent schon problematisch, weil sich die Kosten über Jahrzehnte zu sechsstelligen Beträgen summieren können.
Wichtig ist die Replikationsart. Physisch replizierende ETFs (die tatsächlich die Aktien halten) sind transparenter als synthetische (die die Performance per Swap-Geschäft abbilden). Für Einsteiger: physisch.
Wichtig ist die Fondsgröße. ETFs unter 100 Millionen Euro haben höheres Schließungsrisiko. Ab 500 Millionen Euro ist das kein Thema mehr.
Nicht wichtig ist: welcher Anbieter (iShares, Vanguard, Xtrackers etc.), der Preis pro Anteil (teilweise 2 Euro, teilweise 80 Euro, mathematisch egal), die jüngste Performance (das letzte Jahr sagt nichts über die nächsten zehn aus).
Ein solider Einsteiger-ETF ist der iShares Core MSCI World (ISIN IE00B4L5Y983). Er ist groß, günstig, physisch repliziert und seit vielen Jahren verlässlich.
Was bei Einzelaktien wirklich zählt
Wenn du nach ein bis zwei Jahren ETF-Erfahrung anfängst, Einzelaktien beizumischen, gibt es vier Fragen, die du dir bei jeder Position stellen solltest.
Verstehe ich, wie das Unternehmen Geld verdient? Wenn ich ein Unternehmen in zwei Sätzen meiner Tante erklären könnte, die von Börse keine Ahnung hat, verstehe ich das Geschäftsmodell. Wenn nicht, lass ich die Finger davon.
Ist es langfristig stabil? Unternehmen, die seit 20 Jahren existieren und seit 20 Jahren Geld verdienen, sind statistisch verlässlicher als neue Börsengänge. Altmodisch, aber wahr.
Habe ich einen Vorteil gegenüber dem Markt? Das ist die unbequemste Frage. Warum glaube ich, dass ich etwas sehe, was andere nicht sehen? Wenn die ehrliche Antwort ist „Weil es in den Medien gut aussieht“, ist das kein Vorteil. Das weiß jeder.
Kann ich die Position auch in einer Krise halten? Wenn die Aktie 40 Prozent fällt, was der typische Bärenmarkt ist, verkaufe ich dann in Panik oder bleibe ich dran? Wenn du bei der Frage unsicher bist, ist die Position zu groß oder die falsche Wahl.
Diese vier Fragen filtern die meisten schlechten Entscheidungen heraus, bevor sie gemacht werden.
Meine eigene Aufteilung heute
Weil konkrete Zahlen oft hilfreicher sind als abstrakte Regeln, hier mein eigenes Depot grob nach Anteilen:
- Rund 45 Prozent in Welt-ETFs (MSCI World und MSCI Emerging Markets, ungefähr 70/30 innerhalb dieses Blocks)
- Rund 35 Prozent in etwa acht Einzelaktien, die ich alle seit Jahren halte
- Rund 20 Prozent Cash-Reserve, die ich aktiv für Stillhaltergeschäfte nutze
Die Einzelaktien sind klassische Blue Chips und Unternehmen, deren Geschäft ich wirklich verstanden habe. Keine schnellen Wechsel, keine Trendaktien, keine Hype-Werte.
Diese Struktur hat sich über Jahre entwickelt. Am Anfang hatte ich mehr Einzelaktien und weniger ETFs, bis ich gemerkt habe, dass ich zu viel Zeit damit verbringe und meine Einzelpositionen im Schnitt nicht besser waren als der Index. Heute ist der Anteil an Einzelaktien eher moderat und dient vor allem als Basis für die Stillhalter-Strategie.
Häufige Fragen
Wenn ich nur 100 Euro im Monat habe, was nehme ich?
ETF-Sparplan auf einen Welt-Index. Einzelaktien lohnen sich erst ab einer Depotgröße, bei der sich Diversifikation realisieren lässt, also ab etwa 10.000 Euro.
Was ist ein Themen-ETF?
Ein ETF, der sich auf einen bestimmten Sektor konzentriert, zum Beispiel „Wasserstoff“ oder „Künstliche Intelligenz“. Diese sind meist schlechter als breite Welt-ETFs, weil sie viel konzentrierter sind und der Hype schon eingepreist ist, wenn der ETF aufgelegt wird. Finger weg, zumindest als Kernbaustein.
Kann ich auch nur Einzelaktien halten, ohne ETFs?
Theoretisch ja, praktisch nicht empfehlenswert. Ohne die ETF-Basis bist du extrem konzentriert auf deine Auswahl, und wenn die daneben liegt, kostet es viel. Die Basis sollte breit sein.
Was passiert, wenn der ETF-Anbieter pleitegeht?
Nichts. ETF-Vermögen ist rechtlich vom Anbieter-Vermögen getrennt (Sondervermögen). Im Insolvenzfall des Anbieters wird der ETF entweder von einem anderen Anbieter übernommen oder abgewickelt, das Vermögen geht dir nicht verloren.
Soll ich ETFs thesaurierend oder ausschüttend kaufen?
Thesaurierend (Dividenden werden automatisch reinvestiert) ist für die Vermögensbildung effizienter. Ausschüttend macht Sinn, wenn du Einkommen aus dem Depot brauchst oder wenn du den Sparer-Pauschbetrag (1.000 Euro pro Jahr für Singles) gezielt ausnutzen willst.
Wie viele Einzelaktien sollten es sein?
Fünf bis fünfzehn, nicht mehr. Studien zeigen, dass Diversifikationseffekte ab etwa zehn Positionen deutlich nachlassen. Mehr Positionen bedeutet nur mehr Arbeit, nicht mehr Rendite.
Und was ist mit Kryptowährungen, Gold, Anleihen?
Kurz: Kryptowährungen sind Spekulation und gehören, wenn überhaupt, nur in kleinen Anteilen ins Depot. Gold kann als Beimischung (5 bis 10 Prozent) zur Stabilisierung sinnvoll sein. Anleihen sind seit den Zinsen wieder interessanter, aber für junge Anleger mit langem Horizont trotzdem sekundär.
Wenn du das Ganze strukturiert lernen willst
Im Kurs gehe ich die Auswahl und Mischung von ETFs und Einzelaktien in mehreren Modulen durch. Besonders Modul 04 „Regeln“ zeigt dir, wie du Einzelaktien systematisch findest (MAG 7, Fünf-Jahres-Chart, Volatilität, Delta, Earnings), und Modul 09 „Strategie“ beschäftigt sich mit Buy & Hold, Buy & Call und langfristigem Vermögensaufbau.
Vor dem Kauf: kostenloses 20-Min-Erstgespräch oder Probe-Modul.
Weiterlesen
- Investieren lernen, der Leitfaden
- Was ist eine Option?
- Was ist ein Stillhaltergeschäft?
- Risikomanagement an der Börse
- Abgeltungssteuer auf Aktien
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die Nennung konkreter ETFs oder Aktien ist keine Kaufempfehlung. Investitionen am Kapitalmarkt sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Vergangene Ergebnisse sind kein Indikator für zukünftige Entwicklungen.
Wortanzahl: ca. 2.400 Wörter
Schreibstil: Kalibrierte Voice. Seriöser Fach-Ton mit persönlichen Einordnungen (eigene Aufteilung, eigene Lern-Erfahrungen).
Interne Links: 7 zu verwandten Artikeln + 1 zur Kursseite
Bilder:
1. Hero-Bild (zwei Münzstapel als Symbol)
2. Vergleichstabelle ETF vs. Einzelaktien
3. Tortendiagramm meiner eigenen Depot-Aufteilung
4. Grafik der SPIVA-Studie (80 Prozent schlagen den Markt nicht)
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