Positionsgröße richtig wählen: Die wichtigste Risiko-Regel
Positionsgröße richtig wählen: Die wichtigste Risiko-Regel
Wenn ich aus allen Regeln, die ich je an der Börse gelernt habe, nur eine einzige weitergeben dürfte, wäre es diese: Keine einzelne Position sollte mehr als 5 bis 10 Prozent deines Depots ausmachen.
Das klingt simpel, und wird trotzdem von den meisten Privatanlegern verletzt. Der klassische Fehler: Jemand hat 20.000 Euro auf dem Depot, liest auf Reddit oder einem YouTube-Kanal, dass eine bestimmte Aktie „grad explodiert“, und kauft für 8.000 Euro ein. Das sind 40 Prozent des Depots in einer einzigen Wette. Wenn die Aktie 50 Prozent fällt, was bei Einzelwerten regelmäßig vorkommt, sind 4.000 Euro weg. Ein Fünftel des gesamten Vermögens. Gelöscht.
Und genau darum geht dieser Artikel: Wie man die Positionsgröße so wählt, dass ein einzelner schlechter Trade nicht das ganze Depot kostet.
Die 5-bis-10-Prozent-Regel im Detail
Warum nicht 20 Prozent? Warum nicht 2 Prozent? Die Zahlen 5 bis 10 sind nicht willkürlich, sondern ergeben sich aus zwei Überlegungen.
Obere Grenze: 10 Prozent. Wenn eine einzelne Position 10 Prozent deines Depots ausmacht und sie komplett wertlos wird (Totalverlust), verlierst du 10 Prozent deines Gesamtvermögens. Das ist unangenehm, aber nicht existenziell. Über die Zeit holst du das wieder rein.
Wenn dieselbe Position 30 Prozent ausmacht und zum Totalverlust wird, brauchst du bei 7 Prozent Rendite pro Jahr mehrere Jahre, um den Schaden wieder reinzuholen. Das kostet Jahre Zinseszins, die du nie wieder bekommst.
Untere Grenze: 5 Prozent. Kleinere Positionen als 5 Prozent bringen nicht genug Rendite, um sich bei der notwendigen Aufmerksamkeit zu lohnen. Wenn du 20 Positionen mit je 5 Prozent hast und eine davon macht 50 Prozent Plus, dann steigt dein Depot nur um 2,5 Prozent. Das ist wenig.
Die Spanne 5 bis 10 Prozent ist ein Kompromiss aus Risikobegrenzung und Rendite-Hebel.
Was das praktisch bedeutet
Ein paar Beispiele, je nach Depot-Größe.
Depot 5.000 Euro:
- Maximale Position: 250 bis 500 Euro pro Einzelwert.
- Das ist bei Blue-Chip-Aktien oft zu wenig für sinnvolle Einzelwerte.
- Konsequenz: In dieser Phase lieber ETF-Sparplan, keine Einzelaktien.
Depot 25.000 Euro:
- Maximale Position: 1.250 bis 2.500 Euro pro Einzelwert.
- Reicht für die meisten Einzelaktien, auch teurere US-Werte.
- Realistisch 10 bis 20 Positionen plus ETF-Basis.
Depot 100.000 Euro:
- Maximale Position: 5.000 bis 10.000 Euro pro Einzelwert.
- Stillhaltergeschäfte werden voll möglich.
- Typisch: 5 bis 10 Einzelpositionen plus breite ETF-Basis.
Depot 500.000 Euro:
- Maximale Position: 25.000 bis 50.000 Euro pro Einzelwert.
- Hier werden Liquiditäts-Fragen relevant: Wie viel Volumen hat die Aktie täglich? Kannst du rein und raus ohne den Kurs zu beeinflussen?
- Strategien werden komplexer, Sektor-Diversifikation wichtiger.
Die Zahlen sind Orientierung, keine strikte Regel. Je nach Risikoneigung kann man strenger oder großzügiger sein.
Warum Positionsgröße mehr entscheidet als Aktienauswahl
Das ist die oft überraschende Erkenntnis: Wer die Positionsgröße beherrscht, verdient langfristig mehr als jemand, der besser Aktien aussucht, aber die Größen falsch wählt.
Warum? Weil Aktienauswahl bei langfristigem Investieren im Durchschnitt nicht stark streut. Ein diversifiziertes Portfolio mit 15 „durchschnittlichen“ Aktien schlägt ein konzentriertes Portfolio mit 3 „perfekten“ Aktien, wenn eine der drei perfekten sich als Fehleinschätzung herausstellt.
Statistik dazu: Wenn du eine Position mit 30 Prozent Depot-Anteil komplett verlierst, brauchst du etwa 43 Prozent Rendite auf den Rest, um das Startniveau wieder zu erreichen. Das kann Jahre dauern. Gleichzeitig verliert eine 5-Prozent-Position im Totalverlust nur 5 Prozent, was bereits im nächsten Jahr mit normaler Marktrendite wieder aufholt.
Die 1-Prozent-Regel für aktive Trader
Für Leute, die aktiv traden (also häufig kaufen und verkaufen), gibt es eine strengere Regel: Pro einzelnem Trade solltest du nicht mehr als 1 Prozent deines Depots riskieren.
Wichtiger Unterschied: „riskieren“ ist nicht „Position“. Die Position kann größer sein, aber wenn du einen sauberen Stop-Loss setzt, ist dein maximales Risiko auf die Differenz zwischen Einstiegspreis und Stop-Loss-Preis begrenzt.
Beispiel: Depot 100.000 Euro. Du kaufst 100 Aktien bei 50 Euro (Position: 5.000 Euro). Stop-Loss bei 45 Euro (5 Euro unter Einstand). Dein maximales Risiko: 100 × 5 Euro = 500 Euro, also 0,5 Prozent des Depots. Unter der 1-Prozent-Grenze.
Wer aktiver tradet, kann so deutlich größere Positionen fahren als die 10-Prozent-Regel, solange der Stop-Loss eng genug liegt. Für langfristige Investoren, die keinen Stop-Loss nutzen, gilt eher die 10-Prozent-Regel.
Positionsgröße bei Stillhalter-Geschäften
Hier wird die Sache spezifischer. Bei einem Cash-Secured Put bindest du Kapital, auch wenn du keine Aktien hältst.
Beispiel: Du verkaufst einen Cash-Secured Put auf eine Aktie mit Strike 45 Euro. Du bindest 45 × 100 = 4.500 Euro als Sicherheit. Bei einem Depot von 50.000 Euro sind das 9 Prozent, also im Rahmen.
Wenn du aber mehrere parallele Puts auf korrelierte Aktien verkaufst (zum Beispiel alle aus dem Tech-Sektor), summiert sich das Risiko. Wenn der Tech-Sektor einbricht, werden alle Puts gleichzeitig zugeteilt, und du sitzt auf einer konzentrierten Position mit hohem Buchverlust.
Regel für Stillhalter: Nicht nur die einzelne Position zählt, sondern auch die Sektor-Konzentration. Maximal 30 Prozent des Depots in einer Branche, auch wenn du auf verschiedenen Aktien verteilt bist.
Was passiert, wenn eine Position wegen Kursgewinnen zu groß wird?
Ein schönes Problem, aber ein echtes. Wer Apple vor 10 Jahren zu 20 Prozent des Depots gekauft hat, kann heute 50 Prozent Apple haben, einfach weil die Aktie stark gestiegen ist.
Was tun?
Option 1: Stehen lassen. Argument: Wenn ein Unternehmen immer besser wird, ist es rational, mehr davon zu haben. Warren Buffett argumentiert so. Nachteil: Konzentrationsrisiko steigt, ein einzelner Rückschlag kann viel kosten.
Option 2: Teil-Verkaufen. Regelmäßig (zum Beispiel jährlich) die Position zurück auf 10 Prozent zuschneiden. Nachteil: Du zahlst auf jeden Verkauf Abgeltungssteuer, das kostet Rendite.
Option 3: Nicht weiter nachkaufen. Die Position bleibt, aber du erweiterst sie nicht. Andere Positionen wachsen mit, die Konzentration sinkt langsam. Guter Kompromiss.
Option 4: Covered Calls schreiben. Du verkaufst Calls auf deine Position. Wenn sie ausgelöst werden, verkaufst du automatisch. Die Prämie fängt einen Teil des steuerlichen Nachteils auf.
Meine persönliche Strategie ist eine Mischung aus Option 3 und Option 4. Nicht mehr nachkaufen, und wenn eine Position deutlich zu groß wird, über Covered Calls reduzieren.
Die Portfolio-Heat-Regel
Für fortgeschrittene Trader gibt es noch eine andere Metrik: die „Portfolio Heat“. Sie sagt, wie viel deines Depots insgesamt gerade auf dem Spiel steht.
Wenn du fünf Trades offen hast, die jeweils 1 Prozent deines Depots riskieren, ist deine Portfolio Heat 5 Prozent. Wenn ein Marktcrash alle fünf gleichzeitig an die Stops treibt, verlierst du 5 Prozent in einem Moment.
Regel für Portfolio Heat: Nicht mehr als 5 bis 8 Prozent deines Depots gleichzeitig im Risiko. Das erzwingt, dass du nicht zu viele Positionen parallel aufmachst.
Für Stillhalter ist das etwas abstrakter, weil Risiko auf die Strike-Differenz bezogen werden muss. Aber die Grundidee gilt auch hier: Nicht zu viele parallele Risikopositionen.
Wie du die Größe praktisch berechnest
Der einfachste Workflow beim Trade-Setup:
Schritt 1: Nimm dein aktuelles Depotvermögen.
Schritt 2: Bestimme, wie viel Prozent maximal in diese Position sollen (5 bis 10 Prozent).
Schritt 3: Teile den Betrag durch den aktuellen Aktienkurs (oder Strike bei CSPs).
Schritt 4: Runde auf ganze Stückzahlen oder Kontrakte ab, nicht auf.
Beispiel: Depot 50.000 Euro. Maximale Position: 8 Prozent = 4.000 Euro. Aktienkurs 95 Euro. Stückzahl: 4.000 / 95 = 42 Aktien. Abgerundet: 42 Aktien. Bei einem Cash-Secured Put wäre das ein Kontrakt über 100 Aktien mit 9.500 Euro Bindung, also etwas über 8 Prozent. Kein Drama, aber am Limit.
Bei einer 30-Euro-Aktie würde derselbe Kontrakt 3.000 Euro binden, also 6 Prozent. Hier sind sogar zwei Kontrakte im Rahmen, was 6.000 Euro = 12 Prozent wären. Das wäre über der 10-Prozent-Grenze. Also: nur ein Kontrakt.
Die häufigsten Fehler
Depot größer wachsen lassen, aber Positionsgröße gleich belassen. Wer mit 20.000 Euro Depot 10-Prozent-Positionen gefahren hat (2.000 Euro) und mit 100.000 Euro Depot immer noch 2.000-Euro-Positionen fährt, ist zu konservativ. Die Positionen werden inflationär klein.
Umgekehrt: Absolute Euro-Beträge beibehalten, wenn das Depot schrumpft. Wenn du nach einem Verlustjahr nur noch 70.000 Euro hast, aber immer noch in 10.000-Euro-Positionen handelst, fährst du 14 Prozent pro Position, also über der Grenze.
Positionen in Etappen aufbauen, aber den Gesamt-Plan vergessen. Du kaufst heute 1.000 Euro, nächste Woche 1.000 Euro, in zwei Monaten nochmal 2.000 Euro. Plötzlich sind 4.000 Euro in einer Position, ohne dass du es bewusst geplant hättest.
Eine „sichere“ Aktie doppelt gewichten. „Apple ist sicher, da kann ich ruhig 20 Prozent reinlegen.“ Falsch. Auch Apple kann 40 Prozent fallen, und „sicher“ ist ein gefährliches Wort an der Börse.
Häufig gestellte Fragen
Was ist mit ETFs? Gilt die 10-Prozent-Regel auch da?
Bei Welt-ETFs nicht im gleichen Sinn. Ein MSCI World streut selbst schon über 1.500 Unternehmen, also ist deine „Einzelposition“ eigentlich eine extreme Diversifikation. Hier kannst du problemlos 50, 70, 100 Prozent des Depots in einem einzigen ETF halten. Bei Themen-ETFs (zum Beispiel „Nasdaq 100″) gilt schon eher die normale Regel, weil die Konzentration auf einen Sektor da ist.
Muss ich die Positionsgröße jeden Monat neu ausrechnen?
Nein. Einmal pro Quartal reicht. Bei großen Marktbewegungen einmal außerplanmäßig anschauen.
Kann ich Ausnahmen machen für besonders überzeugende Positionen?
Theoretisch ja, praktisch selten sinnvoll. Wer die Regel bricht, sollte das bewusst und dokumentiert tun. Meine Erfahrung: Die Positionen, von denen ich am meisten überzeugt war, waren nicht zwangsläufig die, die sich am besten entwickelt haben.
Gilt die Regel auch bei sehr kleinen Depots (unter 5.000 Euro)?
Bei sehr kleinen Depots ist Diversifikation kaum möglich. Hier gilt: ETF-Sparplan als Basis, Einzelaktien erst ab 10.000 Euro Depotgröße sinnvoll.
Was, wenn ich einen klaren Information-Edge habe?
Die meisten Privatanleger glauben, einen Edge zu haben, haben aber keinen. Studien zeigen, dass selbst professionelle Analysten den Markt langfristig nicht konsistent schlagen. Wenn du wirklich einen Edge hast (selten, sehr selten), kannst du marginal mehr Konzentration rechtfertigen. Aber immer noch nicht 50 Prozent in einer Position.
Im Kurs geht es konkret weiter
In Modul 04 „Regeln“ und Modul 05 „Optionshandel“ zeige ich dir die konkrete Berechnung der Positionsgröße für verschiedene Trade-Typen. Auch das persönliche Handelsprotokoll in Modul 06 hilft dir, deine eigenen Positionsgrößen über die Zeit zu tracken und Muster zu erkennen.
Weiterlesen
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- Was ist ein Stillhaltergeschäft?
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- Stillhalter-Rendite realistisch
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Prozent-Regeln sind Faustregeln, keine verbindlichen Vorschriften.
Wortanzahl: ca. 1.800 Wörter
Schreibstil: Kalibrierte Voice. Klare Faustregeln mit konkreten Zahlen und Beispielen.
Interne Links: 5 zu verwandten Artikeln + 1 zur Kursseite
Bilder:
1. Hero-Bild (Tortendiagramm)
2. Tabelle „Max. Position nach Depotgröße“
3. Vergleichsgrafik „5 % Verlust vs. 30 % Verlust: Erholungszeit“
4. Depot-Heat-Grafik (5 Positionen, je 1 % Risiko)
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